Echte Anteilnahme – gelebte Seelsorge

28.01.2026

Am Mittwoch, 28. Januar 2026, diente Apostel Reto Keller den Amtsträgerinnen und Amtsträgern der Bezirke Schaffhausen und Winterthur in der Kirche Effretikon (Bezirk Winterthur). Als Grundlage diente das Bibelwort aus Römer 12,15: „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.“ Dabei legte er den Schwerpunkt auf den geistlichen Dienst in der Seelsorge.

Apostel Keller begrüsste die aktiven Geistlichen der Bezirke Schaffhausen und Winterthur mit den Worten: «Schön, seid ihr da.» An diesem dunklen, regnerischen Januarabend dürfen wir nun einen Gottesdienst feiern, in dem sich der Himmel öffnet. Gottes Licht möge unsere Herzen erhellen, Wärme schenken und den Weg sichtbar machen, damit aus kleinen, dunklen Gedanken grosse, helle Gedanken werden. Nun einige zusammengefasste Gedanken aus der Predigt des Apostels:

Apostel Keller nahm Bezug auf das Eingangslied GB 365: «Auf, lasst uns Zion bauen.» Darin liegen gewichtige Aussagen. Wir dürfen mithelfen, die Gottesstadt zu bauen im gläubigen, fröhlichen und freudigen Vertrauen. Als Geistliche dürfen wir Gott vertrauen – im Alltag, in der Seelsorge und im Gottesdienst und auch dann, wenn uns ein vor uns liegendes Gespräch oder Telefonat etwas Bauchschmerzen bereitet. Zugleich vertraut Gott auch uns und er traut uns etwas zu: Er hat uns gerufen mitzuhelfen, die Herde Christi zu weiden. Wie einst David im Kampf gegen Goliath im Namen des Herrn handelte, wirken wir mit Sendungsbewusstsein im Auftrag des Apostels und im Namen Jesu – am Altar, in der Seelsorge und im Dienst in der Gemeinde.

Apostel Keller verglich diesen Auftrag mit einem Sprung vom Zehn-Meter-Brett, wie einst in einem Werbespot zu sehen war: Ein Junge steht mit zitternden Knien oben, bis ihm jemand zuruft und Mut macht: «Du schaffst das!» Darauf fasste sich der Junge ein Herz und sprang. Das gilt auch für uns: «Liebe Amtsträgerin, lieber Amtsträger: Du schaffst das!»

Um Gott im Dienst zu erleben, braucht es Aufgaben, die uns übertragen werden und derer wir uns annehmen; sonst bleibt es nur Theorie. Wie schön ist es, Gott im Dienen zu erleben – in der Seelsorge, im Halten eines Gottesdienstes oder beim Mitdienen, manchmal vielleicht auch mit zitternden Knien. Der Apostel unterstrich die Worte aus Galater 5,10: „Ich habe das Vertrauen zu euch in dem Herrn!“

Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.“

Dieses Bibelwort ist ein Wort der Seelsorge und beschäftigt den Apostel seit langer Zeit. Er führte weiter aus: In den wenigen Worten liegt ein tiefer Auftrag: Anteilnahme! Sie ist eine unserer Kernaufgaben in der Gemeinde, etwas sehr Wertvolles und Wichtiges. Dieses Wort gilt nicht nur uns Geistlichen, sondern der ganzen Gemeinde. Es ist ein christlicher Grundauftrag, füreinander da zu sein. Die Überschrift des Kapitels lautet: «Das Leben der Gemeinde.» Ich bin sehr dankbar für alle Brüder und Schwestern der Gemeinde, die so viel Gutes tun in der Nächstenliebe. Warum sage ich das heute besonders zu uns Amtsträgerinnen und Amtsträgern? Weil ich es von uns in besonderer Weise erwarte. Die Geschwister haben das verdient.

Ja, es ist nicht immer einfach. Wir dürfen uns ehrlich fragen: Wie sehr bemühe ich mich um echten Kontakt? Anteilnahme setzt Nähe voraus. Ich kann nur Anteil nehmen, wenn ich wahrnehme, zuhöre, rede und spüre, wie es dem anderen geht – im Guten wie im Schweren. Darum meine Aufforderung, auch an mich selbst: Lasst uns mehr Nähe schaffen. Durch persönliche Kontakte und echte Gespräche. Elektronische Nachrichten helfen, doch es braucht mehr: Ein offenes Ohr, ein tiefgehendes Gespräch, ein «Komm, wir reden miteinander.» Das wünsche ich mir von Herzen.

Unsere besondere Aufgabe

Zu unserer besonderen Aufgabe als Geistliche gehört es, das Evangelium zu verkünden, vom Glauben zu sprechen und von dem zu reden, was aufbaut, Mut macht und dem Heil der Seele dient. Das ist unser Auftrag als Amtsträgerinnen und Amtsträger, zusätzlich zur menschlichen Anteilnahme. Ich erlebte, dass Seelsorge als Aufgabe der ganzen Gemeinde zwar gut klingt, manchmal aber auch als Grund zur eigenen Entlastung dient: Die anderen tun es ja. Ich sage es offen, damit habe ich Mühe. Die Geschwister brauchen euch, sie brauchen uns – von jung bis alt. Niemand soll sich allein fühlen. Sie schätzen euch für euren Dienst als Geistliche. Euer Amt ist der Gemeinde geschenkt. Seelsorge bedeutet nicht, sich aufzudrängen, sondern sich anzubieten: Sich freuen mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden. Mitgehen und zuhören – wie Jesus bei den Emmaus-Jüngern. Sie waren enttäuscht und konnten das Geschehen um die Kreuzigung Jesu nicht einordnen. Was hat Christus gemacht? Er ging auf sie zu, begleitete sie ein Stück ihres Weges, hörte zu und stellte Fragen. Das ist Seelsorge. Dann stärkte er sie, zeigte ihnen den Weg, die frohe Botschaft und weckte neue Hoffnung. Und dann tat er etwas Entscheidendes. Er liess die Jünger wieder los. Er zwang sie nicht, zurückzugehen, sondern vertraute ihnen ihren Weg an. Mitgehen, zuhören, stärken – und wieder loslassen. Das hat Christus vorgelebt. Und genau darin liegt oft die Kunst der Seelsorge, den Mut zu haben, den Menschen nach erfolgter Stärkung die Verantwortung für ihr Handeln zu überlassen.

Sich freuen mit den Fröhlichen…

Das klingt einfach, ist es aber nicht. Gerade in unserer Zeit fällt es oft schwer, echte Fröhlichkeit zuzulassen – ohne Scham, ohne Neid und ohne das Gefühl, man dürfe sich nicht freuen, weil es anderen schlecht geht. Manchmal hindert uns genau das daran, Freude wirklich zu teilen und zu geniessen. Wir wissen um Sorgen und Nöte – und lassen deshalb Fröhlichkeit nur gedämpft zu. Doch das Bibelwort sagt nicht: Freut euch über die Fröhlichen, sondern: Freut euch mit den Fröhlichen. In 2. Korinther 7,4 heisst es: «...ich habe überschwängliche Freude in aller unsrer Bedrängnis.» Das eine schliesst das andere nicht aus. Diejenigen, denen es gut geht, haben es verdient, dass ihre Freude geteilt wird. Lasst uns Schönes fröhlich und dankbar geniessen dürfen.

...und weint mit den Weinenden…

Oft fehlen uns die Worte. Man trägt mit, man nimmt Anteil – sofern man davon weiss und darüber sprechen darf. Manchmal reiht sich ein Schicksalsschlag an den nächsten. Wisst ihr, was das Tröstliche ist? Es braucht nicht immer Worte. Es braucht Anteilnahme, Mitgefühl. Oft genügt es, mit den Weinenden zu weinen und selbst traurig zu sein, wenn uns etwas berührt. Die Geschwister spüren dann, dass wir ihr Leid wahrnehmen und mitleiden. Stellen wir uns den Situationen gehen wir ins Gespräch im Bewusstsein: Wir müssen nicht auf alles eine Antwort haben.

Die Frage nach dem «Warum»

Warum dieses Leid? Warum diese Krankheit? Warum schon wieder ohne Arbeit? Warum Unfriede in der Familie? Wenn wir auf das «Warum» eine Antwort von Gott bekämen, bin ich mir nicht sicher, ob wir damit umgehen könnten. Wahrscheinlich würden neue Fragen entstehen. Darum empfehle ich eine andere Frage: Nicht «Warum?», sondern «Wie weiter?» Was ist der nächste Schritt? Was ist möglich? Was steht an? Sobald ein kleiner Weg sichtbar wird, entsteht oft schon Entlastung. Oder wie bei Jeremias Gotthelf zu lesen ist: «Es verliert die schwerste Bürde die Hälfte ihres Drucks, wenn man nur darüber reden kann.» Nicht alle Probleme sind gelöst und nicht alle Fragen beantwortet – aber der Druck wird geringer. Genau hier setzt unsere Seelsorge an – und dafür braucht es persönliche Kontakte und Gespräche.

Die Bitte des Apostels…

Ich hoffe, dass ihr Amtsträgerinnen und Amtsträger alle Aufgaben in der Seelsorge der Gemeinde habt. Wenn das nicht der Fall ist, sage ich offen: Die Gemeinde braucht euch. Es beschäftigt mich, wenn ich höre: Ich habe noch nie ein Seelsorgegespräch geführt oder ich wurde als Diakon oder Diakonin noch nie eingesetzt. Das darf nicht so bleiben. Auch hier frage ich nicht nach dem «Warum», sondern nach dem «Wie weiter.» Ich wünsche mir von Herzen, dass ihr gute und stärkende Erfahrungen in der Erfüllung des Amtsauftrages machen dürft. Vielleicht nur schon ein bis zwei Seelsorgegespräche im Monat. Es erwartet niemand, dass ihr jeden Abend unterwegs seid. Aber wir tragen Verantwortung und die Geschwister brauchen Seelsorge. Und wenn der Einwand kommt, schon erfolglos versucht zu haben, das Gespräch zu suchen, dann versuche es noch einmal und sag ohne zu Drängen: Komm, lass uns einmal telefonieren. Nur eine Viertelstunde. Oft beginnt so ein gemeinsamer Weg in der persönlichen Seelsorge.

Lasst uns heilsbringende Seelsorge praktizieren, Anteil nehmen und uns mit den Fröhlichen freuen und mit den Weinenden weinen. Die Geschwister werden es euch danken, und wir werden gesegnete Erfahrungen machen in der Nähe, in der Kraft und in der Liebe unseres himmlischen Vaters.